Vom Zirkuskind zum Rock'n'Roller

„Mein Name ist Till Kersting. Ich hatte einen seltsamen Traum: Ich wollte der beste Gitarrist der Welt werden. Aber dazu später mehr. Bereits mit vier Jahren führte ich ein Rock’n’Roll-Leben, denn meine Mutter heiratete einen Schlagzeuger, der in verschiedenen Jazz- und Beatbands trommelte. Wenn er auftrat, pennte ich vorne auf dem Tresen.

 

1986 ging ich auf meine erste Tournee: Als das Reaktorunglück von Tschernobyl passierte, war meine Mutter von dem Spleen besessen, ihr Leben zu verändern und das Land zu verlassen. Innerhalb eines halben Jahres gaben wir unser Haus in Kassel auf und zogen mit meinen beiden jüngeren Geschwistern in einem ausgebauten Möbelwagen nach Portugal.

 

Dort entstand die Idee eines Kulturzirkusses. Da meine Mutter früher Lehrerin war, durfte sie mich privat unterrichten. Nach einem Jahr kehrten wir nach Deutschland zurück und schlossen uns Bernhard Pauls Roncalli-Zirkus an. Als kleiner Pimpf hatte ich die Aufgabe, nach jeder Vorstellung die Bänke zu fegen. Unser eigener Zirkus hieß später „Circo da Cultura“ und war eine Mischung aus Artistik, Tanz und Musik. Wobei die experimentellen Klänge stets im Vordergrund standen. Wir machten alles selber, lebten von der Hand in den Mund und schliefen in einem Bauwagen mit Holzofen und ohne fließendes Wasser.

 

Natürlich gehörte auch ich zum Ensemble. Morgens ging ich in die Schule, abends auf die Bühne. In den warmen Monaten zogen wir umher, die Winter verbrachten wir in Kassel. Auf meiner Bettdecke schimmerte jeden Morgen eine frostig-weiße Glitzerwelt aus Reif und Eis, und zum Duschen gingen wir ins Hallenbad. Als Kind war ich ständig erkältet. Damals hasste ich jeden Bauwagen und jeden Wintertag. Heute sage ich: „Rock'n Roll ist immer ein bisschen härter als Angeln“. Das trifft übrigens auch auf das Zirkusleben zu.

 

Mit zwölf entdeckte ich die Rolling Stones für mich. Sie sollten meine Pforten der Wahrnehmung öffnen und ich tauschte meine Lego-Eisenbahn gegen eine Fender Stratocaster für Rechtshänder, die ich als Linkshänder direkt umdrehte. So sah ich wenigstens schon mal so aus wie Jimi Hendrix. Diese Liaison hielt jedoch nicht lang: Ich ließ die Strat irgendwann im Zug liegen und verliebte mich anschließend in eine Telecaster, der ich bis heute treu geblieben bin.

 

Ich guckte mir fast alles von anderen Musikern ab um mein Instrument zu lernen. Mit 14 wurde ich in die Zirkusband gesteckt und war plötzlich mit Free-Jazz konfrontiert. Ich spielte in Blues-, Jazz- und Soulbands in und um Kassel. Ich hörte B.B. King, Ray Charles, Wes Montgomery, Joe Pass und galt als der Gitarrist, der eigentlich viel zu jung ist für das, was er da tut.

 

Nach zehn Jahren war bei unserem Zirkus leider endgültig die Luft raus und da ich in der Region als Musiker für mich alles erreicht hatte, seilte ich mich nach Köln ab. Dort wurde ich musikalischer Leiter am „Theater Der Keller", spielte Orchesterwerke von Hanns Eisler, Kurt Weill und Paul Dessau auf der Sologitarre und stand auch als Schauspieler auf der Bühne.

 

Bis ich ohne mentale Vorbereitung einen Kulturschock erlebte: Ich wurde Mitglied des Vokalensembles Tuesdays! Wir bekamen einen Plattenvertrag bei der EMI, nahmen 2002 am Grand-Prix-Vorentscheid teil, absolvierten viele Fernsehshows und tourten mit der Sängerin Michelle durch die Lande.

 

Nach zwei Jahren war der Spuk vorbei und ich begann mit dem Schreiben eigener Songs. Dabei rückte das Gitarrenspiel immer mehr in den Hintergrund und ich stellte fest, dass der beste Gitarrist der Welt zu sein eine ziemlich absurde Idee war und mich nicht mehr glücklich machte. Ich war schon immer fasziniert davon, wie Sänger auf der Bühne die Emotionen körperlich spüren und das wollte ich auch erleben. 2006 veröffentlichte ich dann meine erste Soloplatte „Changing Faces“ bei Zyx/Peppercake. Die Arbeit mit dem renommierten Toningenieur Klaus Genuit, der Maceo Parker, Jon Lord und die Brecker Brothers produziert hatte, war voller Magie: Ein modernes Singer-Songwriter-Album im Gewand einer Soul- und Rhythm’n’Bluesband.

 

Ich ging dreimal in großer Besetzung auf Tournee und saß mit diesem Sound zwischen allen Stühlen. Für die Bluesclubs war ich zu poppig, für die Pop-Veranstalter zu jazzig. Allein von den Kultursendern konnte ich nicht leben. Der Kreis schloss sich und ich kehrte als Bühnenmusiker zu Roncalli zurück, um meine neuen Visionen finanziell umsetzen zu können.

 

Mein Sound sollte sich ändern: Alles, was vorher noch geshuffelt vor sich hin swingte, wich geraden Achtelbeats. Ich bin darüber sehr glücklich, weil es mich aus dem Sumpf meiner Vorbilder herausgeholt und eigenständig gemacht hat. Ich liebe es, vor normalen Leuten zu spielen, die überhaupt keine Ahnung von Gitarrentechnik haben, aber die Musik und die Songs erfühlen können.

 

Inzwischen trete ich live im Trio auf, weil diese Besetzung den neuen Songs am besten gerecht wird. Je mehr Musiker auf der Bühne, desto stärker muss ich mich als Frontmann zurücknehmen, um allen Platz zu lassen. Endlich kann ich wieder richtig Gitarrist sein und das Ganze schmatzt schön dreckig vor sich hin.

 

Auf meinem neuen Album „Waiting For Tomorrow“ hat es der Kölner Toningenieur Thorsten Rentsch, der mit internationalen Künstlern wie Eric Wolfsson vom Alan Parsons Project, Yossou N’Dour und Jalal Nuridin von den Last Poets gearbeitet hat, verstanden, den Sound in meinem Kopf optimal umzusetzen.

 

Meine Songs sollten modern klingen wie die aktuellen Produktionen von Pink, Lenny Kravitz und John Mayer. Ich wollte die technischen Möglichkeiten eines großen Studios nutzen und mit Kompressoren und Filtern arbeiten. Meine Platte rumpelt und knackt wie bei einem Live-Konzert und ich zeige alle Facetten, die in mir stecken. Gegen die Bezeichnung „Analog-Pop und das wahre Wesen des Rock’n’Roll“ hätte ich nichts einzuwenden.

 

Bei der ersten Single „Who Are You“ verbinden wir akustische Pop-Gitarren mit einem Motown-Beat. Mir gefällt die Idee, eine fast schon kindliche Melodie mit einem ultrasimplen Refrain zu kombinieren. Hier stimmen einfach alle Ebenen. „Melancholy Blue“ und „Cat Got My Tongue“ sind meine Abgeh-Trash-Nummern. Ich bin kein Entertainer, der lustige Geschichten erzählt und das Publikum zum Mitklatschen animiert. Aber wenn ich Gitarre spiele, drehe ich komplett durch und kehre mein Innerstes nach Außen. Ich will, dass es brennt. Privat würde ich niemals schreien, aber auf der Gitarre kann ich es. „Follow My Way“ und die Country-Ballade „Why“ zeigen meine intime und melancholische Seite, während „Creeping Over My Shadow” und “Waiting For Tomorrow” mit ihrem amerikanischen Blues- und Soul-Touch eine Brücke vom ersten zum zweiten Album schlagen. "Try A Little Bit Harder" ist die zweite Single und meine Mutmachhymne mit Lizenz zum Mitsingen.

 

Als Musiker mache ich vieles selber: ich komponiere, arrangiere, singe, spiele Gitarre, leite die Band und habe auch die Geschichten im Kopf. Aber ich mag es, wenn mir hervorragende Textdichter die Bälle zuspielen und man am Ende gemeinsam etwas neues erschaffen kann. Musik machen ist für mich ein Miteinander und macht mir in der Gruppe viel mehr Spaß als allein vor mich hinzudümpeln.

 

Ich möchte von Dingen erzählen, die jeder auf sein eigenes Leben übertragen kann. Meine Songs behandeln große Gefühle wie Liebe, Sehnsucht, Hoffnung und Verwirrung und ich wünsche mir, dass die Menschen bei meinen Konzerten vorübergehend den Alltag vergessen können und eine gute Zeit haben.

 

Der erste Traum von früher ist nicht mehr wichtig. Im Zweiten stecke ich mittendrin.

 

Künstlerischer Werdegang:

2000 Musikalischer Leiter am „Theater der Keller“ Köln

2002 Mitglied des Vokalensembles Tuesdays. Album bei Capitol EMI, Grand Prix Deutschland

2004 Gründung der eigenen Band und schreiben eigener Songs

2005 Gitarrist des Comedians Marius Jung

2006 Solodebüt „Changing Faces“ (ZYX/Peppercake), drei Deutschlandtourneen mit Band

        Musiker bei der Dinnershow „Witzigmann & Roncalli Bajazzo“

2007 Musiker bei Roncallis „Circus meets Classic“ mit Sinfonieorchester

        Bandleader für „Witzigmann & Roncalli Bajazzo“ in Frankfurt "Die 60er Jahre Show"

2008 Solo Musiker bei Roncallis „Apollo“ Varieté in Düsseldorf

2009 Zweites Soloalbum „Waiting For Tomorrow“ (Rough Trade/BSC), Tournee im April

        GOP Varieté Show "Sommer der Liebe" in Hannover + neues Programm mit Marius Jung

2010 "Schul-Tour 2010" präsentiert von Gitarre&Bass und NewcomerRadio Deutschland

        Studiomusiker für Jingle Produktionen ARD, ZDF, RTL & VOX

2011 Gitarrist für "Roncalli´s Panem et Circenses" Dinnershow in Essen

        Duoprogramm mit Marius Jung. Als Studiomusiker für Specialstereo tätig.

        Einzelkonzerte mit dem Till Kersting Trio und dem "Schultour" Projekt.

        Mitglied der Kölner Band "floorjivers"

2012 Gitarrist der Kölner Band "deephonia" und Studioarbeit am dritten Album.

 

BLOG  INFO  MUSIK  VIDEO  FOTOS  KONZERTE  SCHULTOUR  KONTAKT  LINKS  IMPRESSUM eine Website von side by site © 2006